Stell dir vor, eine Maschine könnte eine Stimme klonen oder eine kreative Handschrift übernehmen – Und das in wenigen Sekunden. Das mag sich nach Science-Fiction-Filmen anhören, ist aber bereits alltägliche Realität.
Künstliche Intelligenz greift mittlerweile tief in Bereiche ein, in denen Menschen lange als unersetzbar galten. Während die Technologie neuen Raum für Kreativität bietet, wächst zugleich die Angst vor dem Verlust von Berufen, die stark menschlich geprägt waren.
Regisseur und Künstler Kai Lipphardt aus Hannover zeigt, dass KI, Bilder und Videos erschaffen kann, welche ohne KI nie umsetzbar gewesen wären. Für ihn ist diese Technologie nicht nur ein Werkzeug, sondern der Partner, der mehr Spielraum ermöglicht. Zukünftig stelle uns aber genau das vor neue Herausforderungen.
K(a)I Lipphardt: Wo endet der Mensch, wo beginnt die KI?
Ganz anders denken Claudia Urbschat-Mingues und Matti Klemm: Sie sind zwei der renommiertesten deutschen Synchronschauspieler*innen, die in einer Branche arbeiten, welche im Wandel ist und unter massivstem Druck steht. Und das nur, weil diese Branche von einer Technologie gefährdet wir, die Emotionen imitiert, jedoch nicht fühlen kann.

© Marcus de Winter

Die Entwicklung der Technik: Vom Werkzeug zur Eigenständigkeit
Es ist nichts Neues, dass in der Synchronbranche technische Manipulation und Stimmveränderungen genutzt werden. Die Synchronschauspielerin Claudia Urbschat-Mingues erklärt, dass die postproduktive Bearbeitung, zum Beispiel das Beschleunigen oder Verändern der Tonlage von Stimmen für Werbespots oder unterschiedliche Filmgenres, seit Langem zum Branchenalltag gehört. Niemand dort empfände diese Art der Veränderung als Gefährdung, da dies ein Bestandteil des kreativen Prozesses sei.
Eine Bedrohung wird in der Branche heute allerdings oft in der generativen KI gesehen, also in einer KI, welche selbstständig trainiert und sich dadurch weiterentwickelt. Während zum Beispiel Synchronschauspieler*innen diese Art der Evolution aber als kritisch betrachten, sieht der KI-Künstler Kai Lipphardt die KI nur als eine Art „Super-Werkzeug“. Für die Bild- und Videoerstellung ermöglicht die Technologie die Verkürzung der sonst teilweise sehr mühsamen Prozesse und erweitert den kreativen Spielraum, welcher normalerweise als unbezahlbar gilt. Der zentrale Kern der Debatte bleibt der qualitative Unterschied von einfacher Stimmveränderung hin zur vollständigem Ersetzung Austausch einer Stimme durch KI, die nicht mehr nachvollziehbar ist.
Diese Uneinigkeit spiegelt sich innerhalb der gesamten künstlerischen Branche wider. Ein Auszug aus der Goldmedia-Studie „KI und Bildende Kunst“ verdeutlicht dies: Während 43 Prozent der Befragten gegenüber dem Thema überwiegend negativ und lediglich zwölf Prozent positiv eingestellt sind, bleiben 42 Prozent der Künstler*innen unentschlossen.

Was den Menschen unersetzbar macht
Matti Klemm und Claudia Urbschat-Mingues teilen die Ansicht, dass eine menschliche Stimme mehr ist als nur eine Art der Informationsübermittlung. Die Stimme überträgt Identität, Seele und gelebte Erfahrungen. Ein Mensch, der rund 85 Jahre lebt, spricht einen Satz durch seine eigenen Erfahrungen anders als eine KI, die nur Wahrscheinlichkeiten berechnet. „Ein pochendes Herz“ ist laut Klemm der grundlegende Unterschied: „Also das, was ich empfinde. […] Die KI kann eigentlich nur zweidimensional liefern, egal wie super sie das mal machen wird. Es ist nie ein schlagendes Herz dahinter.“
Auch Claudia Urbschat-Mingus weiß das. Eine ganz besondere Rolle spielen die Zwischentöne und der Subtext, also das Gefühl, welches hinter den Worten vermittelt wird. Diese sind es, die eine Verbundenheit zum Zuschauenden aufbauen. Auch wenn eine KI hochemotional wirken kann, fehlt ihr die Fähigkeit echte Empathie und Persönlichkeit auszustrahlen. „Also mich kauft man ja nicht in erster Linie wegen der Stimme, sondern wirklich wegen dem, was ich der Stimme gebe. […] Ich kann mich mit Rollen identifizieren und ich kann am Ende Dinge abstrahieren und kann wirklich das fühlen, was die Figur auf der Leinwand fühlt“, so die Synchronschauspielerin.