Inceku und Mistress Kay, Foto von Charleen Faatz

Wenn Kontrolle Nähe ist

Bondage und Discipline, Dominance und Submission, Sadism und Masochism (BDSM) wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig auf das Extreme reduziert: Schmerz, Sexualität und Klischees. Doch es ist eine Beziehung, in der Kontrolle nicht trennt, sondern verbindet.

Über Macht, Kontrolle, Vertrauen und emotionale Verantwortung in einer Femdom-Beziehung

Zwischenmenschliche Kontrolle wird in unserer Gesellschaft häufig mit Distanz, Härte und Kälte gleichgesetzt, während emotionale Nähe mit Gleichberechtigung, Zärtlichkeit und emotionaler Offenheit assoziiert wird. Daher werden Dom-Sub-Beziehungen – insbesondere Femdom-Dynamiken – oft missverstanden. 

Zwei Menschen, eine Dynamik

Mistress Kay und Inceku führen seit vier Monaten eine Beziehung, die viele als ungewöhnlich bezeichnen würden. Sie leben in einer DS-Dynamik (englisch: Dominance and Submission), in der Dominanz und Hingabe nicht gegeneinanderstehen, sondern aufeinander angewiesen sind. Zu Beginn ihrer Beziehung erarbeiteten sie über mehrere Wochen einen Sklavenvertrag, der Grundregeln für beide festhielt.  Mistress Kay kam jung durch den Kontakt zu einer Domina in die BDSM-Szene, während Inceku vor sechs Jahren mit seiner damaligen Partnerin erste Erfahrungen machte, was ihn nach der Trennung zu einem Femdom-Stammtisch führte. Auf diesem sprach Mistress Kay ihn mit der Intention einer Freundschaft an, aus der sich allmählich mehr entwickelte. ,,Wir hatten da irgendwie beide keine Erwartungen aneinander, wir hatten uns da einfach rangetastet […]. Keiner hat sich irgendwas vorgestellt, was da passieren müsste, und so hat sich das irgendwie frei entwickelt und wir sind da wahrscheinlich beide gleich bekloppt”, erzählt Inceku.

Rollen, Spielen und Vertrauen

DS beschreibt eine Beziehung innerhalb des BDSM-Spektrums, in der die Macht bewusst ungleich verteilt wird: Eine Person führt, die andere folgt. Doch diese Führung verlangt Aufmerksamkeit, Reflexion und emotionale Präsenz. Die dominante Rolle übernimmt Verantwortung für das körperliche und psychische Wohlbefinden des Partners. Die submissive Rolle vertraut sich an und kommuniziert klare Grenzen. Dies bedeutet, dass es keine Passivität gibt, sondern nur aktive Entscheidungen. 

Auch Begriffe wie ,,Spielen” oder ,,Session” werden oft missverstanden. ,,Es ist kein einfaches ‘Hau drauf’”, erklärte Mistress Kay. Eine Session ist ein mit Gesprächen über Grenzen, Bedürfnisse und emotionalem Wohlbefinden strukturierter Raum. Zudem enden sie nicht abrupt: Der Raum wird durch Fürsorge und Nachbesprechungen im Sinne ihres DS-Lebensstil bewahrt.

Deutlich wird hier: Diese Beziehung beginnt nicht mit Handlungen, sondern mit Worten, mit Fragen nach Grenzen, Erwartungen und Bedürfnissen. Nähe entsteht hier durch Zuhören und kontinuierlichen Austausch. Kontrolle ist für die beiden nichts, das einfach genommen wird – sie wird gegeben. 

Emotionen im Machtgefälle

Nach den PsychologInnen Larva und Rantala (2024) kennzeichnen sich BDSM‑Dynamiken durch ihre ritualisierte, konsensuelle Struktur. Diese Rituale schaffen einen klaren Rahmen, in dem Rollen, Erwartungen und Grenzen explizit ausgehandelt werden.

Die bewusste Aushandlung führt zu einer erhöhten Transparenz und damit zu einem gesteigerten Gefühl emotionaler Sicherheit, sagen die Ergebnisse einer niederländischen Studie von Wismeijer und van Assen aus dem Jahr 2013. 

Verletzlichkeit ist auf beiden Seiten präsent: In der Hingabe des einen und in der Verantwortung der anderen.

Zwischen Ritualen, Sessions und Gesprächen findet sich ein ganz normales Zusammenleben mit Routinen, Humor und Pausen. Gerade diese unspektakulären Momente zeigen: Dominanz und Unterwerfung müsse nicht permanent gelebt werden, um wirksam zu sein. 

Vorurteile und Realität

Viele gesellschaftliche Bilder von BDSM und Femdom-Dynamiken werden durch Pornographie geprägt. In dieser werden intime Handlungen ohne Kontext und Macht ohne Verantwortung dargestellt. ,,Ich weiß nicht, was für eine Fantasie da beflügelt wird […]”, sagt Mistress Kay dazu, ,,Manche haben ein Hochgefühl der Macht dabei, also wenn man auf der dominanten Seite ist und die das dann erregt und die das dann natürlich auch ausnutzen. Das finde ich persönlich nicht okay, es darf immer nur im Konsens passieren”. DS ist kein Kontrollverlust und auch kein Ausdruck von Gewalt, sondern von Vertrauen. Es ist eine bewusst gestaltete Beziehung, die auf emotionaler Arbeit beruht.

Wissen teilen und dazulernen

Mistress Kay und Inceku engagieren sich bewusst in der BDSM-Community. Sie teilen ihr Wissen auf verschiedenen Stammtischen, in Gesprächsrunden und als Vorträge. Dabei fördern sie einen Austausch und Dialog, wodurch sie Vorurteile aufräumen und ein sicheres Spiel für andere ermöglichen wollen. Gerade für AnfängerInnen in der Szene ist es ihnen besonders wichtig, ein realistisches Bild zu vermitteln. Sie erklären Begriffe, sprechen über Verantwortung und Grenzen und geben praktische Tipps. Jede Dynamik sei individuell, betonen sie, und müsse ihren eigenen Weg finden. 

Dieser Wunsch nach Kommunikation und Austausch spiegelt auch ihre eigene Beziehung wider: Nicht als Pflicht, sondern als Grundlage von Nähe. Kontrolle funktioniert hier nicht isoliert, sondern ist eingebettet in Beziehung, Verantwortung und gemeinsames Verständnis. Der offene Umgang mit ihrer Beziehung ermöglicht einen Einblick in etwas, das häufig verschwiegen oder verzerrt dargestellt wird. 

So entsteht Verständnis für DS und Femdom an Stellen, an denen sonst Unsicherheit oder Vorurteile vorherrschen. Sichtbarkeit wird hier nicht zur Provokation, sondern zum Mittel für Dialog und Reflexion .

Titelbild: Inceku und Mistress Kay, Foto von Charleen Faatz

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