Alkohol ist im Leben der meisten Studierenden omnipräsent. Bierpong in der WG, Wein im Park mit Freunden oder ein Schnaps beim Feiern. Doch die Grenzen zwischen Genuss und Abhängigkeit sind fließend. Nathalie hat das Trinken krank gemacht. Heute ist sie trocken und spricht offen darüber.
Im Keller des Studentenwohnheims hat es sich abgekühlt, aber die Stimmung ist erhitzt. Die Neonröhren lassen das orangene Licht flimmern und draußen ist es mittlerweile dunkel. In den Ecken des Raumes sind lauter Bierkästen verteilt. Einige Flaschen Oettinger Export liegen kaputt auf dem klebrigen Boden. Um die vier Tische stehen Trauben aus Studierenden und kleine Bälle fliegen quer über den Tisch – es ist Zeit für Bierpong. Tim* und Max* stehen am Bierpongtisch. In der linken Hand ein Bier, während die andere den kleinen Ball zum Wurf bereithält. Die beiden Studenten trinken heute den dritten Tag in Folge Alkohol. Für sie: eine normale Woche. Wer am Bierpongturnier teilnimmt, muss trinken. Daran führt laut Max kein Weg vorbei. Der Pegel solle schließlich während der Runden steigen und beeinflusse auch die Wurftechnik des ein oder anderen Spielenden. Die Beute des Abends wird ergiebig sein: von den 11 Bierkästen wird höchstens einer den nächsten Tag erleben.
Exzessiver Alkoholkonsum. Und das, wie bei Max und Tim, mehrmals die Woche. So sieht das Leben vieler Studierenden aus. Partys, ob privat oder im Club, bei denen kaum jemand die Finger vom Alkohol lassen kann. Für den Moment finden die Studierenden Erfüllung im Alkohol. Der Katertag danach wird jedoch oft bis in den späten Nachmittag im Bett abgehalten. Reue über den ungesunden Lifestyle kommt auf und viele nehmen sich vor: Jetzt trinke ich erstmal nichts mehr! Wieso greifen sie am nächsten Wochenende trotzdem wieder zu der gesellschaftlich akzeptierten Droge?
Tim ist 21. Meistens trinkt er für die gute Gesellschaft, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist, aber auch, weil ihm Bier einfach schmeckt. Seine Gründe Alkohol zu trinken, teilen viele Studierende. Einige andere Studierende geben in einer Umfrage an der Ostfalia Hochschule sogar an, für das gesteigerte Selbstbewusstsein zu trinken. So falle es ihnen beispielsweise leichter, sich auf Partys zu unterhalten.
Nur wenige junge Menschen leben enthaltsam von Alkohol. Ein Stimmungsbild an der Ostfalia Hochschule zeigt: der Großteil der Studierenden trinkt Alkohol, die Hälfte davon mindestens einmal die Woche. Dabei bleibt der Konsum nicht immer im Rahmen. Nur knapp die Hälfte der Befragten schätzt ihren Konsum als verantwortungsvoll ein. Ein Drittel der Studierenden schafft es nicht immer, sich an ihr Limit zu halten und übertreibt mit dem Konsum häufiger. Neun Prozent geben sogar an, ihr Trinkverhalten sei riskant und durch große Filmrisse nach dem Konsum gekennzeichnet. Auch Verletzungen und blaue Flecken, welche meist erst am nächsten Tag bemerkt werden, zeichnen das riskante Trinkverhalten aus. „Aufwachen und nichts mehr wissen ist echt erschreckend. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, nicht zu viel getrunken zu haben“, erzählt Max. Er ist ebenfalls Student und häufiger von Filmrissen betroffen, als seine Kommilitonen.
Forschungsergebnisse der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen, dass Filmrisse eher entstehen, wenn eine große Menge Alkohol in einem kurzen Zeitraum konsumiert wird. Auch die Art des Getränks entscheide über das Risiko. Vor allem bei hochprozentigem Alkohol und besonders süßen Getränken, wie Bowle und Likör, sei ein Filmriss am nächsten Tag wahrscheinlicher.
Nathalie Stüben ist 37 Jahre alt und seit 2016 trocken. Mittlerweile setzt sie sich für mehr Aufklärung zu der Droge ein. Sie selbst passt eher weniger in das Bild, das die Gesellschaft von Alkoholsüchtigen hat: Männlich, traumatische Kindheit, Ü50. Stüben hatte eine schöne Kindheit und ein stabiles Familienumfeld. „Ich war voll das glückliche Kind“, erzählt sie in der Erinnerung an damals. Auch Traumata oder ähnliches musste sie nicht bewältigen. Doch wie bei vielen Deutschen, ist auch bei Nathalie der Alkohol seit ihrer Kindheit präsent. Ihre Eltern begannen jedes Abendessen mit einem Glas Rotwein. „Das war für mich total normal“, schreibt sie auf ihrem Instagram Account, auf dem sie viel über sich und ihre Geschichte teilt. Nach der Pubertät wurde Alkohol auch für Nathalie zum ständigen Begleiter. Ihre Hobbys aus der Kindheit, wie Musik machen, wurden auf einmal vernachlässigt. „Erwachsensein bedeutete für mich, ein Glas Wein in der Hand zu haben.“ Erst war der Alkohol für sie nur ein Statussymbol, mit dem sie sich cooler und erwachsener fühlte. Als sie älter wurde, gefielen ihr dann auch die Partys und vor allem der Rausch. Alkohol wurde zu ihrem neuen Hobby. Ein Hobby, welches sie gegen ihre alten Gewohnheiten, wie die Musik eintauschte. Die Dinge, die sie früher mochte, waren auf einmal nicht mehr wichtig. „Dass ich da, ohne zu zögern, eine der schädlichsten Drogen in mich reinkippte, war mir nicht klar“, berichtet Stüben. Die Nächte, in denen Nathalie bis zur Besinnungslosigkeit trank, wurden immer mehr. „Ich wusste nicht, dass es mit jedem Schluck nur noch schlimmer werden würde.“ Dass der Alkoholkonsum auch ihren Körper und ihre Psyche belasten würde, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Es war so, als würde sich dieser Kater über mein komplettes Leben spannen.“
Circa drei Millionen Menschen litten im Jahr 2018 laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen an einer alkoholbezogenen Störung. Davon 1,6 Millionen an Alkoholabhängigkeit und die andere Hälfte an Alkoholmissbrauch. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erhob 2019 mit der Drogenaffinitätsstudie Zahlen zum Alkoholkonsum bei Studierenden. Laut den Ergebnissen trinken mehr als 37 Prozent der Befragten regelmäßig Alkohol. Während der Konsum bei der älteren Generation schon eher mal kritisch beäugt wird, wird der exzessive Konsum bei Studierenden oftmals als wilde Phase während des Studierendenlebens abgetan.
Professorin Marion Laging leitet den Bachelorstudiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen. Sie beschäftigt sich viel mit dem Alkoholkonsum von Studierenden. Laut einem Bericht des Sterns habe sie besonders zu Beginn der Semester überdurchschnittlich viele Partys bei Studierenden beobachtet. Auch das Rauschtrinken sei sehr beliebt bei den jungen Menschen und oft durch den Stress des Studiums bedingt.
Bei Nathalie fing der Alkoholkonsum an riskant zu werden. Gemäß Ärzten der Schönklinik in Hamburg müssten für einen riskanten Alkoholkonsum mindestens drei von sechs Diagnosekriterien gleichzeitig vorliegen. Nur dann könne man von einer Alkoholsucht sprechen. Die Kriterien seien neben einem starken Verlangen oder dem Zwang, Alkohol zu konsumieren, auch eine Toleranzentwicklung. Wenn zunehmend größere Mengen Alkohol nötig werden um eine Wirkung zu erzielen, sollte aufgepasst werden. Das Vernachlässigen anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums, wie es auch bei Nathalie der Fall war, sei auch ein Kriterium. Alkoholsüchtige trinken außerdem oft weit über ihr Limit hinaus und haben Schwierigkeiten die Beendigung oder die Menge des Konsums zu kontrollieren. Gerade wer mehrmals die Woche trinkt, sollte für eine Zeit abstinent bleiben, um das Bewusstsein für den Konsum wiederzuerlangen. Den Studierenden aus dem Stimmungsbild fällt der ganzheitliche Verzicht auf Alkohol eher schwer. 38 Prozent der Befragten können sich nicht vorstellen, in nächster Zeit mit dem Alkoholtrinken aufzuhören. Hin und wieder eine Alkoholpause einzulegen sollte normalerweise möglich und auch sinnvoll sein. Einige der Studierenden haben dies laut eigenen Angaben schon versucht. Oft wurden die Versuche aus gesellschaftlichen Gründen, wie Feiern, wieder abgebrochen. Wenn es zwingend nötig ist, können die meisten jedoch auch auf den Alkohol verzichten.
Wie viele Studierende, hat auch Nathalie Stüben sich damals Regeln für ihren Konsum aufgestellt. „Heute trinke ich mal nur ein Glas“ oder „heute trinke ich mal nur Wein“. Das Einhalten dieser Vorsätze war für sie kein Problem, da diese Scheinerfolge nur Begleiter ihrer Sucht waren. Während sie bei Treffen mit ihren Freundinnen versuchte, normal zu trinken, wachte sie am Wochenende wieder ohne Handy und Portemonnaie, dafür mit Filmriss in einem fremden Bett auf. Ihre Beine voll mit blauen Flecken. Sie führte eine Art Doppelleben, in dem sie sich selbst vorspielte, dass alles in Ordnung sei. Das Eingeständnis, alkoholkrank zu sein, kam erst später und fiel Nathalie nicht einfach. Privilegiert aufgewachsen zu sein und dann abzurutschen war ihr unangenehm. Heute ist Nathalie trocken und denkt viel über ihre Vergangenheit nach. „Kinder lernen durch Beobachten, sie ahmen nach, was sie sehen.“ Als Teenagerin konnte sie es kaum erwarten, endlich Alkohol trinken zu dürfen. „Erst als ich aufgehört habe zu trinken, habe ich erkannt, wie normal es war für mich zu trinken, wie normal es für mich war, mich deshalb beschissen zu fühlen“, erzählt sie in einem Video auf YouTube.
Wie gelingt also der Verzicht? In Deutschland ist die Droge nicht erst seit gestern gesellschaftlich akzeptiert. Der Gedanke, dass ein Leben ohne Alkohol anstrengend sein würde, beschäftigte Nathalie viel. Andauernd Nein zu Alkohol zu sagen, vor allem in Gesellschaft schien ihr nicht machbar. Mittlerweile blickt sie auf ihre Vergangenheit zurück und ist sich sicher, dass ihr Leben mit Alkohol viel anstrengender war als das heutige ohne. „Trinkregeln aufstellen. Trinkregeln brechen. Meine leeren Flaschen so wegbringen, dass keiner merkt, wie viele es schon wieder waren. Meine Verletzungen verstecken“, all diese Dinge beschäftigten sie zu der Zeit ihrer Sucht. „Heute ist Schluss!“ Nathalie Stüben fasste 2016 den Entschluss, dem Alkohol den Kampf anzusagen, als sie erneut in einem fremden Bett aufwachte und die Reue sie plagte. Mittlerweile ist sie seit vielen Jahren trocken und konnte sich ohne Klinik, Therapie oder die Anonymen Alkoholiker von ihrer Sucht verabschieden. Für sie bedeutet ein Leben ohne Alkohol nicht, dass sie auf etwas verzichten muss. Gerade als Student oder Studentin fällt es eher schwer, Partys zu meiden, um der Frage wieso man nicht trinkt, aus dem Weg zu gehen. Dies sollte laut Nathalie auch nicht die Lösung sein.
Ein erster Ansatz, um seinen Konsum ein wenig gesünder zu gestalten, kann schon die einfache Reduzierung der Glasgröße oder die Wahl eines weniger hochprozentigen Getränks sein. Auch wer sich zum Feiern einen festen Geldbetrag setzt und nur diesen dabei hat, kann seinen Konsum effektiv reduzieren. Um dem Flüssigkeitsentzug, den Alkohol bewirkt, entgegenzuwirken, ist es außerdem sinnvoll, nach jedem Glas Alkohol ein Glas Wasser oder Softdrink zu sich zu nehmen.
Tim und Max stehen am nächsten Morgen mit müden Gesichtern wieder im Fahrradkeller. Rote Plastikbecher liegen auf dem Boden um sie verteilt. Mittlerweile ist es schon 14 Uhr am Folgetag – eher gelang ihnen das Aufstehen nicht. In ihren Händen halten sie jeweils zwei Müllsäcke. Wasser und eine Flasche Powerade, mit Elektrolyten, werden an diesem Tag Tims ständige Begleiter sein. Dass er beim nächsten Bierpongturnier wieder antreten wird, ist sicher. Ob er bis dahin vielleicht mal das ein oder andere Bierchen weglässt, überlegt er sich noch.
Laut dem Gesundheitsmagazin der AOK könnten nur zwei Wochen ohne Alkohol bereits Erfolge zeigen. Die vielen Kalorien alkoholischer Getränke werden eingespart und mögliche Abnehmversuche fallen erfolgreicher aus. Auch der Schlaf ist tiefer und die Leistungsfähigkeit am Tag wird gesteigert. Darüber hinaus sinkt der Stresspegel und unser Immunsystem wird stärker. Nach nur einem Monat kann sich das Hautbild verbessert haben. Betroffene fühlen sich fitter und ihr Blutdruck ist niedriger als vorher. Nach sechs Wochen Abstinenz ist eine Verbesserung der Blutwerte zu erwarten. Die gesamte Gesundheit, sowohl körperlich als auch psychisch, ist besser. Nach drei Monaten ohne Alkohol sind die gesundheitlichen Veränderungen am stärksten. Das allgemeine Körpergefühl ist besser und der Geist klarer. Die Psyche, Blutwerte und auch die Haut haben sich noch weiter verbessert. Die Libido und die Potenz werden durch den längeren Verzicht gestärkt und bei einigen Versuchsteilnehmenden steigerte sich sogar das Selbstbewusstsein.