Der schmale Grat zwischen Inszenierung und Fiktion

Der schmale Grat zwischen Inszenierung und Fiktion

Wie viel Inszenierung verträgt der Journalismus, bevor er zur Fiktion wird? Die Geschichte einer Ameisenkolonie zeigt, warum JournalistInnen Fakten sorgsam präsentieren müssen – ohne ihre Objektivität aus den Augen zu verlieren.

„WO IST ANTON?“, ruft Adrian verzweifelt. Es ist, als würde das Chaos seine Schreie völlig verschlucken. Das Adrenalin schießt in unglaublicher Geschwindigkeit durch seine Venen und entfesselt alle Kräfteressourcen seines Körpers. Bum-Bum. Bum-Bum. Bum-Bum. Sein Herz rast. Seine Lunge arbeitet auf Höchstleistung, um den ungewohnten Sauerstoffbedarf des Körpers zu decken. Während er hektisch gegen den Strom der Menge ankämpft, spürt er die Angst in sich immer größer werden, als würde sie ihn bald übermannen. 

Er hört das Dröhnen immer lauter werden. Er sieht aus dem Augenwinkel, wie es einige Bekannte von ihm gierig verschlang. Das, wovor alle weglaufen. Eine Chance hatten sie nie wirklich. Sie wollten doch nur dem Hunger entkommen und sich ein neues Leben aufbauen. Jetzt brauchten sie ein Wunder. Familie und Freunde sterben. Überlebende packen nur das wichtigste ein, um schnell fliehen zu können. Im Wettrennen gegen die Zeit. Hier heißt es alles zu verlieren, um zu überleben. Aber was ist das Leben schon wert, wenn man nichts mehr hat? Wenn man alle Liebsten verloren hat? 

Schritt für Schritt. Adrian läuft so schnell er kann und lässt seinen Blick über die Weiten schreiten. Wo einst sein Zuhause war, herrscht jetzt Leid und Zerstörung. Doch es bleibt keine Zeit für Trauer. 

Da erinnert er sich plötzlich. Die kleine Höhle, in der die beiden sich immer vor der Arbeit versteckt haben und so eine Menge Ärger kassiert haben. Aber finden konnte sie dort niemand. Hastig läuft er an der Menge vorbei, aus der ihm einige verständnislose Blicke treffen, aber auch dort hat niemand die Zeit, um sich um ihn zu kümmern und ihm zu befehlen, sich in Sicherheit zu bringen. Es geht um Leben und Tod.

Optische Trennung 
Jetzt fragst du dich sicher, liebe(r) LeserIn, was hinter dem lauten Krach steckte, der ein ganzes Volk auszulöschen drohte. Es war ein Staubsauger. Und Adrian und Anton sind zwei Überlebende aus einer Ameisenkolonie, die meine Küche invadiert hat, nachdem ich abends zu faul war, die Sweet Chili Sauce zu entsorgen. Und morgens gab es dann das böse Erwachen. 

Dass die komplette Erzählung fiktiv ist, liegt auf der Hand. Sie ist dennoch eine Geschichte auf Basis wahrer Geschehnisse, aber das macht sie noch lange nicht zu einem journalistischen Beitrag. Auch wenn dieses Beispiel etwas absurd ist, soll es doch stellvertretend für einige journalistische Beiträge stehen. 

Journalismus soll informieren. Hier hat Fiktion nicht seinen Platz. Aber Journalismus soll ebenfalls unterhalten und das erfordert bildliche Beschreibungen, die die Grenzen zwischen Realität und Mutmaßung oft verschwimmen lassen. 

Journalismus kann nicht völlig neutral sein, weil er der Feder normaler, individueller Menschen entspringt. Oft balancieren JournalistInnen dadurch auf dem schmalen Grat zwischen legitimer Inszenierung und illegitimer Fiktion, denn ihre individuelle Perspektive bestimmt den Rahmen, in dem die Fakten präsentiert werden. Das sollte jedem Leser und jeder Leserin bewusst sein, wenn er oder sie einen Artikel liest.

Umso wichtiger ist es für JournalistInnen, die Wahrheit wachsam zu schützen. So stellen wir sicher, dass wir unsere Macht, die wir über das Wissen der Leserschaft haben, nicht missbrauchen. „Sagen was ist“, wie es Rudolf Augstein einst auf den Punkt brachte, und nicht was sein könnte, ist das, was uns JournalistInnen von AutorInnen unterscheidet.

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